04.09.2017

Wenn der Akku rot blinkt



Seit einigen Wochen geht es mir nicht gut. Immer rasanter bergab ging es, wenn ich so überlege, seit Anfang Juli. Ich fühlte mich zunehmend erschöpft, müde, ausgelaugt und mit den Nerven am Ende. Ich konnte und wollte nichts mehr unternehmen, war eine schlechte Gesprächspartnerin und konnte mich auch auf nichts so recht konzentrieren. Alle Arbeitsschritte brauchten ungewöhnlich lange. Eine eigene Meinung schien ich zu vielen Dingen nicht mehr zu haben oder wenn, dann hatte ich keine Kraft diese zu vertreten.

Meine imaginäre Anzeige der Lebensenergie, wie sie bei den Sims angezeigt wird, war im roten Bereich. Sie regenerierte sich über Nacht nur um so viel, dass es zum aufstehen reichte. Auf Arbeit war ich ein Schatten meiner selbst. Nervlich am Ende. Mein Lachen war fort. Meine ewig positive Es-wird-alles-Gut-Einstellung ebenso. Ich ging so vielem wie möglich aus dem Weg und wollte am liebsten, dass man mich gar nicht mehr sah. In unbeobachteten Momenten kämpfte ich damit meine Tränen zurück zu halten. In Besprechungen kostet es mich unheimlich viel Energie gedanklich dem Thema zu folgen.



Vielleicht hast du es ja auch hier gemerkt? Im August gab es hier nur noch ein paar vorbereitete Blogposts, mit Ausnahme des "12 von 12"-Beitrages. Ich war kaum noch auf anderen Blogs unterwegs, und wenn dann fehlte mir die Energie meinen Senf in einem Kommentar nieder zuschreiben. Ich verbrachte meine Abende stundenlang mit Instagram. Sah mir schöne Fotos von schönen Orten und schöner Natur an, schwelgte in alten Sailor Moon Kindheitserinnerungen und verschwendete meine Zeit.

Mein Akku blinkte rot auf.

Ich ignorierte es. Welch ein Fehler. Ich erinnere mich noch genau. An einem wunderschönen, ausnahmsweise warmen und sonnigen, Mittwochnachmittag aß ich mein aufgewärmtes Mittagessen auf dem Balkon und ich brach plötzlich - einfach so, ohne erkenntlichen Grund - in Tränen aus. Ich weinte. Ich weinte die vielen Tränen die ich die letzten Wochen und Monate immer wieder hinunter geschluckt hatte. Ich weinte um mich und um so vieles was um mich herum geschah und noch immer geschieht. Was ich trotz aller Kraftanstrengungen nicht verhindern konnte, nicht abwenden konnte und nicht ändern kann. Ich, diejenige die sich schon öfters durch schlechte Zeiten durchgebissen und durchgekämpft hat. Ich weinte und weinte. Ich, für die so was sonst keine Option ist. Ich, die immer stark und tapfer ist. Es war so schrecklich.

Zwei Tage gönnte ich mir vom Arbeitsleben Pause. Ich konnte ausschlafen, mich erholen, in den Tag hinein leben und einfach mal nichts tun. Plötzlich war es wieder besser. Ein paar Tage lang vielleicht. Nicht mehr als eine Handvoll, wenn überhaupt. Und dann kam es noch schlimmer. Nicht ein oder zwei mal, nein mehrmals. Ich weiß nicht wie oft. Und dann weinte ich nicht irgendwo allein in einem stillen Kämmerlein, - nein, das wäre ja noch gegangen - sondern direkt vor meiner Chefin. Immerhin nur vor ihr. Ich zählte die Tage, die Stunden, die Minuten ... bis ich die Rufumleitung auf meinem Arbeitstelefon einstellen konnte und meinen Outlook-Abwesenheitsassistenten wieder Arbeit geben durfte. Dann war ich weg. Ich ließ das regnerische Hamburg hinter mir. 

Ich ging, um den Sommer einzufangen. 

Ich fand ihn. Jetzt halte ich ihn fest, so fest wie ich es kann. Damit er mich auch im dunklen Winter noch wärmt.

Kommentare:

  1. das hört sich schlimm an. ich hoffe, dass du nun genug zeit hast, deine akkus wieder aufzuladen. denn diese anzeige zu ignorieren, die meist sehr, sehr vordringlich blinkt, ist selten eine gute idee (davon kann ich gleich mehrere lieder singen). meine daumen sind gedrückt und ich schicke dir die ersten herbstlichen sonnenstrahlen aus wien!

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    1. Das ist lieb von dir. Mittlerweile geht es mir wieder besser, ob die Akkus auch wieder richtig voll sind, wird sich zeigen wenn ich wieder auf Arbeit bin... also mal schauen.

      Lieben Gruß, nossy

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  2. Hach Nossy, schön, dass du aus dem Urlaub zurück bist - ich habe ziemlich lange gebraucht, um die auf die ganzen Kommentare zu antworten ;) Aber gefreut habe ichmich riesig über jedes von ihnen.

    Was du allerdings hier in den ersten Absätzen ansprichst, liest sich nicht ohne dass ich großes Mitleid mit dir bekomme. In den letzten Monaten bin ich zwar auch ständig gestresst und völlig K.O., aber ich habe immer mein Pony, dass ich besuchen kann. Es wirkt auf mich wie eine Akku-Ladestation und macht immer, dass es mir ein paar Stunden wieder besser geht. Ich wünschte, du hättest auch so jemanden oder etwas, was diese Funktion für dich erfüllen kann...

    Dass Kontakt zu Menschen, gerade an der Arbeit (oder bei mir in der Schule) viel Kraft kostet, habe ich auch schon oft so empfunden... und ich kämpfe immer noch damit, zu akzeptieren, dass ich eben nicht dauerhaft unter Leuten sein kann. Weinen tue ich inzwischen aber auch öfter - und immer quasi ohne Vorwarnung. Früher war es eher so, dass ich abends allein weinte... jetzt überkommt es mich eher in der Nähe von Mama, meiner Schwester oder auch mitten in der Öffentlichkeit, was ich gar nicht witzig finde.

    Wie hat deine Chefin denn auf deine Tränen reagiert? Sie hätte dir doch sagen können, dass du eine Auszeit nehmen sollst, oder? Immerhin klingt das, was du schilderst, für ich ziemlich nach etwas, was Burnout sein könnte.

    Wo hast du denn den Sommer gefangen? Ich drücke dir die Daumen, dass die Erinnerungen an dieses "Einfach weg aus Hamburg" dir im Winter helfen.

    Liebe Grüße

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    1. Ich habe den Post ja nicht geschrieben um Mitleid zu bekommen, war mehr so ein Selbst-Verarbeitungs-Ding. Aber lieb, dass du mit mir fühlst. Das freut mich sehr.

      Im Grunde habe ich sehr viele Dinge mit dennen ich normalerweise meinen Akku wieder auffüllen kann... nur in letzter Zeit sah ich mich, insbesondere auf Arbeit vor und in gewissen Situationen, die mir einfach zu viel Kraft geraubt haben. Das ist eben ein Nachteil davon, wenn einem vieles nicht egal ist. 😑

      Meine Chefin war sehr führsorglich. Sie hat mehrmals gesagt, ich solle mich krankschreiben lassen usw. Ihr ging es auch sehr nahe, dass es mir nicht gut ging... aber ich konnte es mit meinem Willen und mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, wegen "sowas" krank zu machen.. naja, hätte ich mal lieber machen sollen.

      Wo ich den Sommer gefangen habe, verrate ich vielleicht demnächst mal in nem Blogbeitrag. 😉

      Nochmal danke, für deine lieben Worte 😊
      nossy

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  3. Das hört sich wirklich nicht gut an, dann hoffe ich mal, dass dir der Urlaub und die Auszeit nun wieder Kraft gegeben hat und es dir nun auch besser geht ;). Auf jeden Fall fand ich deinen Text aber super, gerade weil er so ehrlich war und sicherlich sprichst du damit vielen aus der Seele.

    Danke auch für dein liebes Kommentar.
    Ja ich bin da auch immer wieder überrascht, was es da nicht alles gibt. Finde aber auch, dass man sich die Liebe dazu natürlich nicht von einem Trend nehmen lassen sollte. Stimme dir aber zu, dass ich das elegante Einhorn auch weiterhin mag ;). Ist halt nur Schade, wie damit nun Geld gemacht wird.

    Danke auch für dein liebes Kompliment.

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    1. Danke dir. Dunkle Momente hat jeder einmal, auf der einen oder anderen Art und Weise. Ich finde es wichtig, darüber zu sprechen.
      Ob genug Kraft wieder da ist, sehe ich wenn morgen der Alltag wieder beginnt. :)

      Lieben Gruß, nossy

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  4. Ich kenne das.
    Trotzdem habe ich keinen Rat und keinen Tipp dagegen.
    Es kommt und geht.

    Manchmal hilft das Weinen.
    Manchmal hilft auch die Distanz vom Alltag.

    Ich hoffe beides hilft/half dir.

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    1. Ich danke dir. Dein Mitgefühl hilft mindestens genauso gut wie ein Rat oder ein Tipp. Dunkle Momente gehören zum Leben dazu, wie Wolken zum Himmel. :)

      nossy

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