10.04.2016

[Heimatliebe] Ein Ausflug in die Hamburger Unterwelt

Hast du dir schon einmal die Frage gestellt was unter deinen Füßen ist? Der Boden, Sand, verschiedene Gesteinsschichten, vielleicht ein Fossil? Ja, vielleicht. In Städten allerdings weit aus mehr: pure Geschichte zum anfassen. Plätze und Orte die in Vergessenheit geraten sind, die kaum noch jemand kennt. Die überbaut wurden und in keinem Stadtplan mehr eingezeichnet sind. Die Eingänge nur noch schwer zu finden, wenn nicht sogar ganz verloren. 

Dank den Hamburger Unterwelten e.V. gehört der Tiefbunker Steintorwall am Hamburg Hauptbahnhof noch nicht zu diesen verlorenen Plätzen. Im März hatte ich die Möglichkeit an einer Führung teilzunehmen.

Man, was habe ich mich gefreut, dass es endlich geklappt hat! Immerhin ist es schon ein bisschen Glückssache, dass man es rechtzeitig mitbekommt, wann wieder eine Führung angeboten wird. Einen so genannten "vergessenen Ort" zu erkunden hat immer etwas spannendes. Am unscheinbaren Eingang direkt auf dem Bahnhofsvorplatz ging es los. Hier stand ich also. Auf einem Platz über den ich schon unzählige Male gelaufen, gehetzt oder spaziert bin ohne zu wissen, dass sich hier ein Bunker befindet.

  

Wie geht es dir wenn du dieses Wort liest: Bunker?


Vor dieser Führung war es für mich ein Wort das einen Ort beschreibt den es zu kennen gut ist. Der einst von Menschen geschaffen wurde um Menschen vor Menschens Taten zu schützen. Der in unserer heutigen Zeit hoffentlich nie mehr wieder benötigt wird. Und heute nach der Führung? Heute beschleicht mich irgendwie ein beklemmendes Gefühl.


Ich habe mich nie wirklich für die Geschichte interessiert. Ich kann mich grob an den Geschichtsunterricht erinnern, aber ich tue es nicht gerne. Es ist wichtig und richtig, dass die Geschichte niedergeschrieben wird, damit wir und unsere Nachkommen diese kennen und daraus lernen. Aber mal ehrlich, der Geschichtsunterricht den ich erfahren durfte war grotten langweilig! Ich mochte schon immer viel lieber den Unterricht wo ich etwas machen durfte, mich ausprobieren, experimentieren. Kunst und die Wissenschaftsfächer hatten es mir angetan, aber nicht Geschichte. Es war eines der ersten Fächer die ich mit Freude abgewählt hatte. Daran dachte ich bei der Führung nicht ein einziges Mal. Dafür allerdings jetzt. Denn die Führung durch den Bunker war Geschichte pur!


Die Tour beginnt. 


Nachdem ich eine steile Treppe in die Hamburger Unterwelt hinab ging, wurde es kälter und kälter. Die dicken Betonwände schirmen jegliche Erdwärme ab. Zum Glück hatte ich noch meine wärmende Winterjacke an, sonst hätte ich echt gefroren! In einem kleinen Vorführraum stellte sich die Tourführerin vor und gab nach den wichtigen Sicherheitshinweisen einen Einblick über die Lage und Größe, sowie vielen interessanten Infos über diesen alten "Luxus"-Bunker bekannt. Insgesamt 2.460 Menschen sollten hier auf drei Etagen Schutz finden. Die Tour führte weiter ins Innere des Bunkers, so wie die Menschen den Weg damals genommen haben als sie diesen Bunker aufsuchen mussten.


Mich hat dieser Gang wirklich verdammt emotional bewegt. Es berührte mich zutiefst. Ich konnte mich nicht gegen die Bilder wehren die sich in meinem Kopf bildeten... schreiende, weinende Kinder, Totesangst, die Enge, der Geruch, die fehlende Privatsphäre, der Hunger, Menschen die den Verstand verlieren... Die Bunker wurden damals im Ernstfall locker doppelt bis dreifach überbelegt. Ressourcen waren knapp berechnet. Jeder Mensch mehr bedeute auch, dass die Ressourcen schneller verbraucht wären. Es gab keine Angestellten im Bunker, nur den Bunkerwart. Keine Köche, keine technischen Angestellten, keine Krankenschwestern, Ärzte oder Psychologen. Die Menschen mussten sich selbst helfen und mit etwas Glück im Unglück gab es den einen oder anderen Fachmann/-frau unter ihnen.


Schlafräume mit Trippelstockbetten, die nebenbei bemerkt für normal hochgewachsene Menschen viel zu klein waren. Eine kleine Küche für drei Etagen, deren Vorratsraum kaum größer als ein kleiner Wohnraum war. Sitzplätze überall wo es auch nur irgendwie möglich ist. Kahle, graue Wände deren einzige Farbe das Schwarz der Beschriftung und die fluoreszierende Untergrundfarbe ist. Blank poliertes Blech und Stahl ersetzen die Spiegel. Türen sind Mangelwaren. Sichtvorhänge im Sanitärbereich. Und eine 3,75 m dicke Betonwand sichert hoffentlich dein Leben. Eines ist klar, Wochenlang hätten die Menschen es wohl nicht in diesem Bunker ausgehalten, geschweige denn überlebt. 


Ich bin froh um diese Erfahrung, über diesen Einblick den ich gewinnen durfte. Ich danke dem Verein recht herzlich, dass sie sich ehrenamtlich engagieren um eben solche Führungen zu ermöglichen und für die Erlaubnis unsere fotografischen Eindrücke hier zeigen zu dürfen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hat dir der Beitrag gefallen? Schreib mir einen Kommentar und sag mir deine Meinung. Ich freue mich immer über ehrliche und hilfreiche Rückmeldungen.